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A.IV: Kernpunkte des Keynes´schen Paradigmas

Die zentrale Fragestellung der neoklassischen Theorie, gegen die sich Keynes wandte lautet: Was bestimmt die optimale Allokation der Ressourcen? Wird diese nicht erreicht (insbesondere, weil einige Ressourcen nicht beschäftigt werden) sucht man die Antwort bei eingeschränkter Flexibilität der Preisstruktur, mit anderen Worten der relativen Preise.

Keynes hingegen offerierte eine völlig neue Fragestellung:

Was bestimmt das gesamtwirtschaftliche Niveau von Produktion und Beschäftigung unterhalb der Situation von Vollbeschäftigung? Und Keynes beschritt einen neuen vorrangigen Problemlösungsweg: Wird das Vollbeschäftigungsziel verfehlt, suche man primär die Ursache bei der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.

Aufgrund dieser doppelten Neuerung (neue zentrale Fragestellung, neuer primärer Lösungsansatz) spricht man zu Recht von einem neuen Paradigma. Die darauf aufbauende Keynes´sche Analyse haben Hansjörg Herr und Jürgen Kromphardt in einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung für die Mindestlohn-Kommission mit dem Titel „Makroökonomische Folgen des gesetzlichen Mindestlohns aus keynesianisch geprägter Perspektive“ zu sieben Kernpunkten des keynes´schen Paradigmas zusammengefasst.
Sie werden nachstehend reproduziert. Die Studie selbst, an der neun Autoren beteiligt waren, ist auf der Webseite der Mindestlohn-Kommission als PdF-Datei unter „abgeschlossene Forschungen/Projekte“ zu finden.

Kernpunkte des keynesianischen Paradigmas

Es gibt keine allgemein akzeptierte Sichtweise „der“ keynesianischen Theorie. Vielmehr ist ihre Interpretation seit Erscheinen der grundlegenden Analysen von John Maynard Keynes in den 1930ern umstritten. Aus unserer Sicht lassen sich aber einige Grundvorstellungen einer keynesianisch geprägten Analyse herausarbeiten, die sich durch sieben Punkte kennzeichnen lassen.

1. Ausgangspunkt und Motor der wirtschaftlichen Entwicklung sind die unternehmerischen Entscheidungen über Produktion, Investitionen, Preise und Beschäftigung. Diese müssen unter fundamentaler Unsicherheit getroffen werden. Das mikroökonomische rationale Verhalten der Wirtschaftssubjekte kann zu negativen und krisenhaften Entwicklungen auf der Makroebene führen.

2. Im Gegensatz zur neoklassischen Vorstellung eines „Geldschleiers“ ist eine Separierung von Güter- und Geldsphäre irreführend. Geld ist weder kurz- noch langfristig neutral in Bezug auf realwirtschaftliche Größen. Keynes (1933) sprach konsequenterweise von einer „monetären Produktionswirtschaft“. Produktionsprozesse implizieren einen Geldvorschuss mit der Erwartung eines späteren oftmals weit in der Zukunft liegenden höheren Geldrückflusses.

3. Das Produktionsvolumen wird durch die effektive Nachfrage bestimmt (Keynes 1936). Das Saysche Theorem, wonach sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft, wird abgelehnt. Die effektive Nachfrage wird durch die Investitions-, die Konsum-, die Staats- und die Auslandsnachfrage bestimmt. Die Konsumnachfrage hängt unter anderem auch von der Einkommensverteilung ab. Die effektive Nachfrage und das Produktionsvolumen können für eine hohe Beschäftigung zu gering sein. Krisenhafte Entwicklungen sind sowohl aufgrund des Volumens als auch der Struktur (insbesondere des Verhältnisses zwischen Investitionsnachfrage und den anderen Nachfragekomponenten) der Nachfrage beziehungsweise Produktion möglich. Es gibt keinen zuverlässigen Marktmechanismus, der eine unterbeschäftigte Ökonomie zur Vollbeschäftigung führen würde.

4. Kreislaufzusammenhänge spielen für die Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes eine zentrale Rolle. Jemand kann nur dann Einnahmen erzielen, wenn ein Anderer Ausgaben tätigt; diese können aus laufendem Einkommen, aus Krediten oder durch Abbau von Vermögen (Entsparen) finanziert werden. Besonders eng ist die Beziehung zwischen den laufenden Einnahmen der privaten Haushalte und ihren Ausgaben, denn die meisten Haushalte unterliegen objektiven und subjektiven Kreditrestriktionen. Langfristige Optimierungskalküle scheitern an der grundsätzlichen Unsicherheit über das künftige Einkommen.

5. Die Nachfrage nach Arbeit wird nicht auf dem Arbeitsmarkt bestimmt. Vielmehr ergibt sie sich aus der Höhe der erwarteten Güternachfrage und der entsprechend geplanten Güterproduktion. Bei gegebener Arbeitsproduktivität bestimmt dann das Produktionsvolumen die Beschäftigung. Es gibt eine Hierarchie der Märkte, bei der der Arbeitsmarkt vom Gütermarkt dominiert wird – und dieser von Entwicklungen auf dem zu Überreaktionen neigenden Vermögensmarkt stark beeinflusst werden kann. Es besteht daher keine Tendenz zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt.

6. Unternehmen haben in aller Regel Marktmacht und können Preise setzen. Die Marktmacht der Unternehmen hängt von den spezifischen mikroökonomischen Bedingungen auf dem Markt ab. Vollständige Konkurrenz auf vollkommenen Märkten oder Preissetzung durch einen Auktionator sind Fiktionen. Preise werden in erster Linie durch Kosten bestimmt (Keynes 1930).

7. Auch auf dem Arbeitsmarkt herrscht keine vollständige Konkurrenz. Vielmehr werden die Nominallöhne in Verhandlungen vereinbart, entweder auf individueller Ebene zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen oder kollektiv durch institutionell verankerte Tarifparteien wie Gewerkschaften und ArbeitgeberInnenverbände. Zudem besitzen ArbeitgeberInnen häufig auch auf dem Arbeitsmarkt eine nicht unerhebliche Marktmacht. Darüber hinaus beeinflussen vielfältige Aspekte wie asymmetrische Informationen sowie Effizienzlohn- und Fairnessaspekte die Funktionsabläufe auf dem Arbeitsmarkt. Eine Untergrenze für den Stundenlohn wird in vielen Staaten – so jetzt auch in Deutschland – durch den gesetzlichen Mindestlohn gezogen. Der Reallohn ergibt sich dann endogen, indem die Unternehmen ihre (unterschiedlichen) Preissetzungs-Spielräume ausnützen. Flexible Nominallöhne sind nach keynesianischer Sicht nicht zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt geeignet und bergen das Risiko einer Destabilisierung des Kosten- und Preisniveaus.