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D.Die monetaristische Gegenrevolution

1. Vorbemerkung

Nachdem Keynes die wirtschaftspolitische Forderung nach einem aktiven, die konjunkturelle Entwicklung mittels Geld- und Fiskalpolitik steuernden Staat theoretisch untermauert hatte, startete Milton Friedman eine Gegenrevolution, die den Staat wieder auf eine möglichst passive Rolle zurückschrauben sollte. Dazu versuchte er zu zeigen, dass eine aktive Geld- und Fiskalpolitik entweder wirkungslos oder gar schädlich sei. Den theoretischen Unterbau lieferte der von ihm maßgeblich gestaltete Monetarismus.

D.I. Die wiederbelebte Quantitätstheorie

Der US-amerikanische Ökonom Irving Fisher (1867-1947) hatte in „The Purchasing Power of Money“ (1911) seine Quantitätstheorie formuliert, um damit die Inflation zu erklären. Er entwarf dafür die „Fisher’sche Verkehrsgleichung“, in der die folgende Beziehung zwischen der Geldmenge und dem nominalen Volkseinkommen festgehalten wird

(1) M * v = U * p

Diese definitorische Gleichung besagt: Das Produkt aus Geldmenge (M) mal Umlaufgeschwindigkeit (v) des Geldes ist gleich dem Produkt aus Handelsvolumen (U) (real) mal Preisniveau. Bezogen auf die moderne Sozialproduktsberechnung lautet die entsprechend modifizierte Quantitätsgleichung: Das Produkt aus Geldmenge (M) mal Einkommenskreislaufgeschwindigkeit (ν) ist gleich dem Produkt aus realem Sozialprodukt (Yr) mal Preisniveau (p). In Symbolen:

(2) M · ν = Yr · p

Dabei können sich M und ν auf die Geldmengenaggregate M1, M2 oder M3 beziehen. Entsprechend ist jeweils v anders zu definieren.
Die Bezeichnung Einkommenskreislaufgeschwindigkeit verdeutlicht, dass dieser Parameter angibt, wie oft im Durchschnitt jede Geldeinheit pro Periode zur Einkommenszahlung gedient hat. Die Problematik dieser Betrachtungsweise hat Stützel (1979) aufgezeigt.

Aus der Definitionsgleichung (2) folgt: Falls v und Yr konstant sind, besteht eine proportionale Beziehung zwischen Geldmenge und Preisniveau. Fisher nahm die Konstanz von v und Yr an und behauptete überdies (was aus den Definitionsgleichungen (1) und (2) nicht folgt), M seid die Ursache, p die Wirkung.
An dieser Stelle setzt Friedman an. Friedman hatte schon (1959) begonnen, Keynes‘ Analyse zu hinterfragen, indem er seine „permanent income hypothesis“ formulierte, der zufolge der private Konsum weniger vom tatsächlich verfügbaren Einkommen der jeweiligen Periode abhängt als von dem Einkommen, das die Haushalte als permanent (dauerhaft) einstufen und für die Zukunft erwarten. Während in den einfachen keynesianischen Modellen Änderungen des verfügbaren Einkommens sofort und unmittelbar auf die Nachfrage durchschlagen, ist dies bei Friedman anders, da das erwartete, „permanente“ Einkommen durch kurzfristige Änderungen, z.B. durch steuernde Eingriffe des Staates, kaum oder wenig zu beeinflussen sei: Die Haushalte beurteilten – z.B. bei einer expansiven Fiskalpolitik – das zusätzlich verfügbare Einkommen als vorübergehend (transitorisch) und erhöhen ihren Konsum nur wenig. Friedman (1959, S.139) betont diesen Unterschied:
„The permanent income hypothesis implies that the economy is much less sensitive to changes in investment [oder gegenüber Änderungen anderer autonomer Nachfragekomponenten; J.K.] than would be if consumption were adapted to measured rather than permanent income.”

Friedman (1960) lieferte anschließend ein zweites Argument gegen eine aktive Geld- und Fiskalpolitik. Er argumentiert, die Wirkungen aktiver Geld- und Fiskal-politik liefen große Gefahr, wegen zeitlicher Verzögerungen die konjunkturelle Entwicklung zu destabilisieren statt sie zu glätten. Die Verzögerungen ergäben sich aus der Zeitdauer, die das Erkennen der Situation, die wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozesse und die Reaktionen der privaten Haushalte und Unternehmen in Anspruch nehmen. Sie können dazu führen, dass expansive Maßnahmen erst wirksam werden, wenn bereits – wegen der veränderten konjunkturellen Lage – wieder kontraktive Maßnahmen angezeigt wären. Friedman (1960, z.B. S.63) versuchte das Auftreten derartiger Wirkungsverzögerungen empirisch nachzuweisen und behauptete, diese schwankten zwischen 4 und 29 Monaten. Später hat Friedman (z.B. 1970, S.63) seine waghalsigen Berechnungen relativiert.
Immerhin hat Friedman auf diese Weise umfangreiche, bislang fehlende empirische Untersuchungen angeregt. Diese haben die Existenz von Wirkungsverzögerungen bestätigt (wenn auch von kürzerer und daher besser vorhersehbarer Länge) und damit die ursprüngliche keynesianische Überzeugung einer sicheren antizyklischen Wirkungsweise der Globalsteuerung relativiert. Diese empirischen Untersuchungen haben andererseits gezeigt, dass insbesondere die staatliche Haushaltspolitik häufig gar nicht antizyklisch ausgerichtet war, weil z.B. die Gemeinden – aus mehreren Gründen – überwiegend ihre Ausgaben prozyklisch variieren.

Friedman war besonders gegen eine aktive Fiskalpolitik durch einen starken und aktiven Staat eingestellt. Deshalb bemühte sich Friedman in einem dritten Schritt, vor allem die Fiskalpolitik wenig wirksam erscheinen zu lassen. Deshalb griff er auf die Fisher’sche Quantitätsgleichung zurück und versuchte zu zeigen, dass im Wesentlichen Änderungen der Geldmenge die Entwicklung des nominalen Sozialproduktes bestimmen, diese also monetär gesteuert sei (daher die Bezeichnung „Monetarismus“). Er verwies dafür auf die hohe Korrelation zwischen den Schwankungen von Geldmenge und nominalem Sozialprodukt, bei denen sich in den meisten Berechnungen ein „Vorlauf“ der Geldmenge von ein bis zwei Quartalen ergibt. Er und andere Monetaristen leiten daraus ab, dass die von der Geldpolitik bestimmten Schwankungen der Geldmenge die Fluktuationen des Sozialprodukts verursachen.

Hiergegen sind jedoch zwei Einwendungen zu erheben: Erstens lässt sich aus der Korrelation zweier Zeitreihen keine Aussage über die Wirkungsrichtung ableiten. Auch wenn die eine der anderen vorauseilt, können beide die Folge einer gemeinsamen Ursache sein, in diesem Falle z.B. der Investitionsentscheidungen der Unternehmer, die sowohl eine Mehrproduktion als auch eine Erhöhung des Kredit- und Geldvolumens zur Folge haben. Mithin gilt nach wie vor Ehrlichers (1977, S.236) Schlussfolgerung:

„auf die Frage nach der Kausalität, d.h. also, ob die Veränderungen des Einkommens Veränderungen der Geldmenge ausgelöst haben oder ob der umgekehrte Zusammenhang dominiert hat, sagt die Parallelität der Entwicklung der beiden Zeitreihen nichts aus.“

Des Weiteren folgt aus dem zeitlichen Zusammenhang nur dann eine Abhängigkeit der Entwicklung des Sozialprodukts von der Geldmengenänderung, wenn die Geldmenge eine exogene, vom privaten Sektor nicht beeinflusste Größe wäre. Dies ist jedoch selbst für die Zentralbankgeldmenge umstritten – insbesondere bei festen Wechselkursen – und gilt um so weniger für die Geldmengen M1, M2 und M3, die über den Geldschöpfungsmultiplikator mit der Zentralbankgeldmenge verbunden ist und nicht allein von der Zentralbank beeinflusst wird, sondern auch von den Entscheidungen der Unternehmen und der Haushalte. Dementsprechend bezeichnet die Deutsche Bundesbank, in deren Geldpolitik monetaristische Vorstellungen einfließen, die Geldmenge, für die sie seinerzeit ihr Geldmengenziel jährlich festlegte, zu Recht als „das Ergebnis des Geldschöpfungsprozesses, an dem neben der Notenbank zu jedem Zeitpunkt auch die Kreditinstitute und Nichtbanken beteiligt sind“. (Deutsche Bundesbank 1985, S.16)

Nun zu Friedmans viertem Punkt: Ein Blick auf Gleichung (2) zeigt, dass Änderungen von M nur dann eng mit den nominalen Sozialprodukt (Yr · P) korreliert sind, wenn ν nur in engen Grenzen schwankt. In Keynes‘ Analyse sind ν solche Grenzen nicht gesetzt. Vielmehr kann es gesamtwirtschaftliche Lagen geben, in denen es zwar wegen einer ihnen angemessenen expansiven Geldpolitik zu einer steigenden Geldmenge kommt, die Zinsen aber dennoch kaum fallen und die wirtschaftliche Aktivität nicht ansteigt. Die Leute halten ihr Geld lieber in liquider Form, statt es in niedrig verzinslichen und mit Kursrisiken behafteten Wertpapieren anzulegen (Dies ist die berüchtigte Liquiditätsfalle). In einer solchen Situation sinkt die Einkommenskreislaufgeschwindigkeit und konterkariert die potentiell expansive Wirkung einer steigenden Geldmenge.

Friedman schließt diesen Fall aus, indem er den Kehrwert von ν als eine Verhaltensgröße uminterpretiert; diese könne zwar im Konjunkturzyklus schwanken, sei aber langfristig stabil.
Nunmehr blieb in einem fünften und letzten Schritt zu klären, wie sich die Wirkungen einer Änderung der linken Seite der Quantitätsgleichung (also M · ν) auf Mengen und Preise verteilen. Irving Fisher hatte angenommen, das reale Sozialprodukt werde wegen der Vollbeschäftigungsannahme nicht reagieren können. Friedman dagegen unterschied zwischen der kurzen und der langen Frist und meinte: Kurzfristig könne das reale Sozialprodukt auf Änderungen der Geldmenge reagieren. Seine Veränderungen würden aber im Zeitverlauf wieder verschwinden.

Seine Argumentation geht wie folgt: In der Ausgangssituation herrsche nur strukturbedingte Arbeitslosigkeit in dem Ausmaß, in dem Angebot und Nachfrage an Arbeit nicht zusammen passen, insbesondere wegen Unterschieden in der Qualifikation oder räumlicher Unvereinbarkeit (freie Arbeitsplätze in Bayern, Arbeitslose in Bremen, die jedoch z.B. wegen fehlender bezahlbarer Wohnungen in München nicht in der Lage sind, dort eine Arbeit aufzunehmen.). Arbeitslosigkeit wegen zu geringer gesamtwirtschaftlicher Nachfrage gäbe es dagegen nicht. Friedman hält die Wahl dieser Ausgangssituation für angemessen, weil sie
„sich aus dem Walrasianischen Gleichgewichtssystem ergebe, vorausgesetzt, die aktuellen Strukturcharakteristika der Arbeits- und Gütermärkte sind eingebaut, und zwar einschließlich Marktunvollkommenheiten, Zufallsvariabilität von Angebot du Nachfrage, Kosten der Informationsbeschaffung über freie Stellen und Arbeitsreserven, Mobilitätskosten“ usw. (Friedman 1968, S.144).

Diese nicht sehr präzise Definition ist schon deswegen ungenau, weil das von Friedman herangezogene „Gleichgewichtssystem unter Berücksichtigung der tatsächlichen Strukturcharakteristika“ noch gar nicht entwickelt ist. Hahn (1995, S.54) bemerkt dazu kritisch:

„Theories of the natural rate are among the class of shaky and vastly incomplete theories“.

Friedman bezeichnet diese Arbeitslosigkeit als „natürlich“, da das marktwirtschaftliche System von allein zu dieser Situation tendiere.

In Ergänzung, aber nicht im Gegensatz zur keynesianischen Theorie, in der Änderungen der Nachfrage primär zu steigender Produktion führen (denn diese Theorie ist für Volkswirtschaften mit unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und freien Kapazitäten entwickelt worden), zeigt Friedman für eine Volkswirtschaft ohne unfreiwillige Arbeitslosigkeit, dass steigende Nachfrage nur vorübergehend, aber nicht dauerhaft zu mehr Produktion und Beschäftigung führen kann (was eigentlich unstrittig ist). Friedman verschleiert den Unterschied in der betrachteten Ausgangslage, indem er davon spricht, in der von ihm behandelten Volkswirtschaft gäbe es nur „natürliche Arbeitslosigkeit“. Er benutzt also eine neue und erklärungsbedürftige, außerdem unscharf definierte Größe, die im Wesentlichen strukturbedingte Arbeitslosigkeit umfasst.

Wie kommt es nun zu den kurzfristigen Mengeneffekten und zu ihrem langfristigen Verschwinden? Friedman untersucht die Wirkungen einer Geldmengenexpansion für die Situation der natürlichen Arbeitslosigkeit, also für eine Situation ohne nachfragebedingte Arbeitslosigkeit. Die vorhandene Arbeitslosigkeit beruht allein auf strukturellen Unterschieden zwischen dem Arbeitsangebot und der Arbeitsnachfrage. Alle Erwerbspersonen, die davon nicht betroffen sind und zu den herrschenden Reallöhnen arbeiten möchten, haben einen Arbeitsplatz. Daher können diese Erwerbspersonen nur durch einen höheren Reallohn für Mehrarbeit gewonnen werden. Die Unternehmen sind jedoch bei der gegebenen Arbeitsproduktivität auf Dauer nicht bereit diesen zu zahlen.
Eine höhere Beschäftigung ergibt sich dennoch kurzfristig, weil die Unternehmen höhere Nominallöhne zahlen, von denen die Arbeitnehmer meinen, es seien zugleich höhere Reallöhne. Die Unternehmen aber wälzen die höheren Lohnkosten in den Preisen weiter. Nur solange sich die Arbeitnehmer in dieser Beziehung täuschen lassen, steigen Beschäftigung und Produktion: Auf Dauer aber lassen sich die Arbeitnehmer nicht täuschen. Die Beschäftigung geht wieder zurück, die Mengen sinken auf das vorherige Niveau, nur die Preise sind gestiegen.
Bei der gewählten Ausgangslage führen Anstöße von außen (von der Geldmenge, aber auch von der Fiskalpolitik oder aus dem Ausland) daher langfristig zu keiner Änderung der realen Größen. Nur dann gibt die folgende Behauptung eines anderen wichtigen Monetaristen, nämlich Karl Brunner (1970, S.75f.):

„der private Sektor absorbiert Schocks und formt sie in eine stabilisierende Bewegung um [..] die Hauptinstabilitäten und Unsicherheiten des ökonomischen Prozesses [gehen] auf das Verhalten des staatlichen Sektors zurück. Die Unsicherheiten sind im Besonderen den Steuer- und Ausgabenprogrammen zuzurechnen sowie den Maßnahmen eingreifender Instanzen. Die Instabilität ist vor allem der Geld-, Kredit- und Fiskalpolitik zuzuschreiben.“

Die Monetaristen verallgemeinern dieses Ergebnis zu der Aussage, der private Sektor sei stabil. Bei genauerer Betrachtung haben die Monetaristen die Stabilität der realen Größen jedoch nur für eine Situation gezeigt, in der keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit besteht und in der auch die Keynesianer keine expansive Politik empfehlen würden.