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Nachruf

Zum Tod von Hajo Riese (10.1.1933-25.1.2021)

Dass Hajo Riese zum Begründer einer „Berliner Schule des monetären Keynesianismus“ werden würde, war in seinem wissenschaftlichen Werdegang nicht unbedingt angelegt. Studium und Promotion in Kiel brachten ihn zwar mit Erich Schneider, einem führenden Vertreter des deutschen Nachkriegskeynesianismus, in Kontakt, Kreislaufzusammenhänge und geldpolitische Themen wurden ihm so vertraut, aber die Dissertation befasste sich mit „Strukturproblemen des wirtschaftlichen Wachstums“. In den 1960er Jahren publizierte er zu Fragen der (neoklassischen) Wachstumstheorie und habilitierte sich dann bei Gottfried Bombach in Basel mit einer Schrift zur Bildungsökonomie.

Die Cambridge-Cambridge-Debatte um die Kapitaltheorie bewegte Riese dann nicht nur dazu, einen Schlussstrich unter die Wachstumstheorie zu ziehen, sondern auch zu einer kritischen Revision der theoretischen Grundlagen der verschiedenen Bereiche der Wirtschaftspolitik überhaupt. Erst in diesem Zusammenhang, nach einer Analyse der Antiinflationspolitik im Spannungsfeld von Keynesianismus und Monetarismus, fokussierten sich Rieses Arbeiten ab Mitte der 1970er Jahre auf Keynes. Ihre Besonderheit lag darin, dass Riese weder direkt an den damals vorherrschenden postkeynesianischen Schulen anknüpfte (Davidson und die „Fundamentalisten“, Malinvaud und die Rationierungsmodelle) noch sich an den textexegetischen Spekulationen darüber beteiligte, „what Keynes really meant“.
Sein Ansatzpunkt war vielmehr die originäre Frage, was eine Theorie zur Erklärung der Funktionsweise einer Geldwirtschaft leisten müsste, und hier ging es ihm primär um den Zins, allgemeiner: um die Erklärung des Kapitalertrags. Nach Böhm-Bawerks Kritik an der klassischen Surplustheorie deutete die herrschende Meinung den Zins als Resultat von Zeitpräferenz und Kapitalproduktivität, während sie Keynes‘ Verweise auf Spekulationskasse und Unsicherheit allenfalls als Elemente von Ungleichgewichtskonstellationen akzeptierte. Rieses Ziel war dagegen eine monetäre Zinserklärung im Gleichgewicht, die nicht an der Geldnachfrage, sondern am Kreditangebot der Vermögensbesitzer ansetzt. Ihre Zurückhaltung bei der Geldanlage ist durch das Risiko von Kapitalverlusten und – während der Anlageperiode – durch den Verzicht auf die Liquiditätsprämie des Geldes bestimmt. Der entscheidende Unterschied zur neoklassischen Zinstheorie ist, dass der Kredit im wörtlichen Sinne eine Geldleihe und eben keine Güterleihe ist. Riese folgt damit nicht zuletzt Schumpeter, der sich auch stets gegen das Bild des Geldschleiers ausgesprochen hat. Riese schließt so eine Lücke in Keynes‘ Werk, der aufgrund seiner Ablehnung der zeitgenössischen Loanable-Funds-Theorie den Kreditmarkt überhaupt aus seinem Modell verbannte – und so ganz gegen seine eigenen Intentionen den Erklärungsanspruch seiner „Allgemeinen Theorie“ schwächte.

Rieses zahlreiche Kommentare zur makroökonomischen Politik zeigen ihn grundsätzlich als Keynesianer, aber stets mit einer eigenen Note. Mit oft scharfen Worten argumentierte er gegen eine „deutsche Neoklassik“, die – das analytische Niveau des internationalen Mainstreams unterbietend – den Reallohn oder das Budgetdefizit als aktionistische Politikvariablen betrachtete, ohne deren endogene Bestimmung im System der Märkte zu beachten. Schon früh hat Riese die Endogenität der Geldmenge und die steuernde Rolle der Zinspolitik betont. Seine kritischen Bemerkungen zur Politik der Bundesbank folgten weniger dem üblichen Plädoyer für eine beschäftigungsfreundlichere Geldpolitik, sondern zielten auf das Versagen der Bundesbank, die Rolle der D-Mark als Anlagewährung anzuerkennen und – nach dem Vorbild der Bank of England im Goldstandard – die Zinspolitik stärker in den Dienst der Wechselkursstabilität zu stellen. Diese Stabilität sah er auch durch die Politik der Exportüberschüsse gefährdet, die zwar der tragende Pfeiler des deutschen Wirtschaftswunders waren, nun aber für eine reife Industrienation keine angemessene Richtschnur abgeben könnten. Umgekehrt vernahm er das „übergroße Gelächter im merkantilistischen Himmel“ angesichts der tradierten Versuche, Entwicklungsländer mittels kreditfinanzierter Importe aus der Armut zu führen.

Theoretische und wirtschaftspolitische Positionen von Hajo Riese haben sich im Laufe der Zeit – infolge einer fortwährenden intensiven Auseinandersetzung mit der Materie – weiterentwickelt. Die Frage nach den fundamentalen Abgrenzungskriterien zwischen den verschiedenen „Dogmen“ der Volkswirtschaftslehre hat ihn, als Vertreter einer paradigmatischen Erkenntnistheorie, immer wieder beschäftigt. In methodologischer Hinsicht blieb er jedoch stets kompromissloser Anhänger einer, wie er sie nannte, „liberalen Markttheorie“. Dies bedeutete für ihn das Postulat, Marktbewegungen (wie im Programm der neoklassischen Allgemeinen Gleichgewichtstheorie) aus den Wahlhandlungen der Akteure heraus durch Preis-Mengen-Beziehungen zu beschreiben. Forderungen nach interdisziplinären Erweiterungen der ökonomischen Theorie stand er äußerst skeptisch gegenüber; Vorstellungen, wie sie auch bei Keynes anklangen, bei der Analyse zentraler ökonomischer Größen wie dem Zins auf Erkenntnisse etwa der Psychologie zu rekurrieren, waren ihm ein Gräuel, Heterodoxie fast ein Schimpfwort.
Rieses (wirtschafts-) politische Position ähnelt zunächst durchaus derjenigen von Keynes. Ausgehend von einer liberalen Grundhaltung werden Notwendigkeit und Möglichkeit makroökonomischer Regulierung und Steuerung analysiert. Gesamtwirtschaftlichen Funktionsstörungen ist nicht primär aufgrund einer Identifikation mit den Interessen der Marktverlierer entgegenzutreten, sondern einfach weil einige Marktprobleme bei besserer Politik vermeidbar sind. Dabei hat Riese allerdings stets Zweifel an einer dezisionistischen Wirtschaftspolitik angemeldet, er glaubte nicht an eine Steuerbarkeit der Ökonomie nach beliebigen Zielvorstellungen. In späteren Schriften zeigt sich sogar eine Hinwendung zu einer Art monetärer Ordnungspolitik, die auch der Finanzpolitik nur noch enge Spielräume belässt.
Infolge seiner vielfältigen Aktivitäten in Wissenschaft und Hochschulpolitik war Riese auch überregional gut „vernetzt“, er folgte zahlreichen Einladungen zu Tagungen und Symposien. Seine Vorträge und Texte wurden immer mit Spannung erwartet, und sei es nur, weil man ungewohnte Perspektiven, originelle Einsichten und unverblümte Urteile erwartete – und dabei selten enttäuscht wurde. Ob er Hörer und Leser mehrheitlich überzeugen konnte, ist eine andere Frage. Er selbst trachtete auch nicht danach, Mehrheiten zu gewinnen. Kompromisse in inhaltlichen Fragen einzugehen, um in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen Koalitionen schmieden zu können, war seine Sache nicht.

Über eine lange Zeit zog Hajo Riese mehrere Generationen von Assistenten und Doktoranden in seinen Bann. Er schuf einen wissenschaftlichen Mikrokosmos, der unter heutigen Universitätsbedingungen kaum noch vorstellbar ist. In den frühen 1980er Jahren wurden (teils bis in die Nacht hinein) Rieses halbjährlich stets von Anfang an neu geschriebenen, hunderte von Seiten umfassenden Entwürfe seiner breit angelegten „Theorie der Geldwirtschaft“ diskutiert; und wenn dann neben den Schülern auch der Meister selbst daran teilnahm und Streitpunkte in hitzigen Debatten ohne Ansehen von Person und Status ausgetauscht wurden, so wird vielleicht mancher Teilnehmer gedacht haben, dass es so ähnlich auch in den Diskussionen zwischen Keynes und seinem „Circus“ (mit Joan Robinson, Piero Sraffa u.a.) zugegangen sein musste.