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A.III.4. Some Economic Consequences of a Declining Population. “Eugenics Review”,
April 1937.

Wiederabgedruckt in Collected Writings, Vol. 14, S. 124-133
Deutsch in: Reuter, Norbert (2007):
Wachstumseuphorie und Verteilungsneutralität wirtschaftspolitischer Leitbilder zwischen gestern und morgen, 2. Auflage, Marburg (Metropolis), S. 129-138.

In dem Vortrag, der diesem kurzen Artikel zugrunde liegt, wendet Keynes die grundlegenden Ergebnisse seiner „General Theory“ auf den von ihm für die Zukunft erwarteten Rückgang der Bevölkerung Großbritanniens an. Er weist allerdings zuvor auf die große Unsicherheit aller zukünftiger Entwicklungen hin; diese sei jedoch bei Bevölkerungsprognosen geringer als bei andern sozialen und ökonomischen Faktoren. Er fordert daher seine Zuhörer auf, sich – im Gegensatz zu dem, wozu fast jeder neige – vorzustellen, die Zukunft werde anders sein als die Vergangenheit.

In der Vergangenheit hatten es die Industriestaaten mit einer rasch wachsenden Bevölkerung zu tun, was einen starken positiven Einfluss auf die Nachfrage nach Kapitalgütern habe, da mit einem steigenden Bedarf an vielen Gütern und Diensten gerechnet werde. Bei einer schrumpfenden Bevölkerung sei es genau umgekehrt: Die Nachfrage nach Sachkapital geht zurück, insbesondere wenn mit zunehmenden Wohlstand solche Dienstleistungen vermehrt nachgefragt werden, die wenig kapitalintensiv produziert werden. Dem könne entgegen¬gewirkt werden, indem entweder die Einkommens- und Vermögensverteilung so geändert wird, dass die gesamtwirtschaftliche Sparquote zurückgeht, oder indem der Zinssatz gesenkt wird, sodass mehr Investitionen rentabel werden. Am besten wäre es, beide Politiken zu verfolgen. Es sei zwar richtig, dass bei gegebener Ressourcenausstattung eine niedrigere Bevölkerung einen höheren Lebensstandard erreichen könnte, wenn diese Möglichkeiten auch tatsächlich ausgenutzt werden, statt dass der „Teufel der Arbeitslosigkeit“ durch den Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage uns „am Ellenbogen packt“.

Da Keynes diese Gefahr für sehr groß hält, kulminiert sein Vortrag in einer Warnung, die es wert ist, wörtlich zitiert zu werden:

„With a stationary population we shall, I argue, be absolutely dependent for the maintenance of prosperity and civil peace on policies of increasing consumption by more equal distribution of income and of forcing down the rate of interest so as to make profitable a substantial change in the length of the period of production… If capitalist society rejects a more equal distribution of income and the forces of banking and finance succeed in maintaining the rate of interest somewhere near the figure which ruled on the average during the nineteenth century … then a chronic tendency towards the underemployment of resources must in the end sap and destroy that form of society“ (S. 132).

Bisher steht vielen europäischen Staaten die Phase abnehmender Bevölkerung erst noch bevor – sie ist durch den “Baby Boom” der 1950er/1960er Jahre und durch die beachtlichen Zuwanderungsströme hinausgeschoben worden. Wird diese Phase jedoch erreicht, dann wird sich zeigen, ob Keynes’ Warnungen gehört werden. Wenn nicht, wird – wenn seine Warnungen berechtigt sind – eine Situation chronischer Unterbeschäftigung, die Deutschland und andere Industriestaaten schon kennenlernen mussten, erneut unser Schicksal sein.