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A.II.7. The End of Laissez-faire, 1926
(CW, Vol. IX, S. 272-294)

 

deutsch: Das Ende des Laissez-Faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft. München und Leipzig (Duncker&Humblot) 1926; zweite, unveränderte Auflage Berlin (Duncker&Humblot) 2011.

 

Von Peter Kalmbach (Universität Bremen)

Wiederabgedruckt in H. Mattfeldt: Keynes. Kommentierte Werksauswahl. Hamburg (VSA), 1985, S. 96-116

Der Essay „The End of Laissez-faire“ von John Maynard Keynes, der in der Gesamtausgabe seiner Werke 23 Seiten umfasst, erschien im Juli 1926 als Broschüre in der Hogarth Press und bereits im gleichen Jahr erstmals in deutscher Sprache unter dem erweiterten Titel „Das Ende des Laissez-Faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft“ im Verlag Duncker&Humblot (zweite unveränderte Auflage 2011). Im heutigen Sprachgebrauch würde man als Untertitel eher „Ideen zum Verhältnis von Privatwirtschaft und Staat“ wählen.

In seine 1931 erschienenen „Essays in Persuasion“ hat Keynes nur eine stark gekürzte Version aufgenommen. Die vollständige Fassung ist erst im Band IX der „Collected Writings of John Maynard Keynes“ wieder abgedruckt worden. Der deutsche Text ist wiederabgedruckt in: H. Mattfeld, Keynes. Kommentierte Werkauswahl. Hamburg (VSA) 1985. Der Essay basiert auf Vorlesungen, die Keynes im November 1924 in Oxford und im Juni 1926 an der Berliner Universität gehalten hat.

Durch die weltweite Finanzmarktkrise und die Bemühungen fast aller Industriestaaten, sie und ihre Folgen für die reale Wirtschaft zu bekämpfen, sind Keynes’ Überlegungen über die Beziehungen zwischen Privatwirtschaft und Staat, über das Ende staatlichen Nichtstuns, aber auch über die Grenzen staatlichen Handelns und über die Art, es zu organisieren, wieder sehr aktuell geworden. Daher ist es erfreulich, dass dieser Essay in seiner deutschen Version 2011 neu aufgelegt wurde, zumal es sich dabei, wie Cairncross (1978, S. 38) feststellte, um die einzige von Keynes vorgelegte systematische Analyse über das erforderliche Ausmaß der staatlichen Aktivität in wirtschaftlichen Angelegenheiten handelt. Man sollte allerdings beachten, dass die darin enthaltenen Ideen lange vor dem Erscheinen der „General Theory“ entwickelt worden sind: das, was wir heute unter „Keynesscher Theorie“ verstehen, hat erst nach dem Erscheinen der „Treatise on Money“ im Jahr 1930 Gestalt angenommen (siehe dazu z.B. Pasinetti 2007). Man kann natürlich nur darüber spekulieren, ob der Keynes nach der „General Theory“ andere Akzente gesetzt hätte. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass er weniger als im Fall der „Treatise on Money“ die Notwendigkeit gesehen hätte, sich von seinem früheren Werk zu distanzieren.

Keynes beginnt seinen Essay nicht mit unmittelbar wirtschaftspolitischen Fragen; vielmehr befasst er sich – philosophisch gebildeter als der Großteil heutiger Ökonomen – zunächst mit der Ideengeschichte von Individualismus und Liberalismus. Knapp und lakonisch werden die Entwürfe von Hume und Locke dargestellt – und diesen die durchaus andersartigen von Rousseau und Bentham gegenübergestellt. Die Vereinigung der höchst verschiedenartigen Ansätze wird als das Werk des frühen 19. Jahrhunderts angesehen: „Der Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vollbrachte diese wundersame Einigung. Sie brachte den konservativen Individualismus von Locke, Hume, Johnson und Burke in Einklang mit dem Sozialismus und der demokratischen Gleichheitslehre von Rousseau, Paley, Bentham und Godwin“ (Keynes 2011, S. 20). Angereichert wurde diese Mixtur schließlich noch mit darwinistischen Ideen. All die verschiedenen Ansätze schienen das Gleiche zu predigen: Individualismus und Laissez-faire.

Keynes zufolge lautet die philosophische Doktrin des Individualismus, die Regierung habe kein Recht zu intervenieren, die weltanschauliche Doktrin, es gebe dafür keine Notwendigkeit. Ökonomen sind insoweit noch nicht im Spiel. Ihnen kommt jedoch die wesentliche Aufgabe zu, den wissenschaftlichen Nachweis zu erbringen, dass staatliche Einmischung ganz unzweckmäßig ist. Entgegen einer häufig geäußerten Ansicht sind es aber nicht Ökonomen, die den Begriff des Laissez-faire erfunden haben. Man findet diesen Begriff z.B. nicht bei Smith, Ricardo oder Malthus. Auch die Physiokraten, denen der Begriff oft zugeschrieben wird, haben ihn nicht erfunden. Als Schöpfer dieser Bezeichnung wird vielmehr der Marquis d’Argenson genannt, der – in einer anonym erschienenen Schrift – diesen Begriff als erster 1751 benutzt zu haben scheint.

Die Herkunft des Begriffs laissez-faire aufzuzeigen sowie die philosophischen und weltanschaulichen Hintergründe darzustellen, ist jedoch nur ein Teil der von Keynes verfolgten Absicht. Von diesem Teil findet sich dann in den „Essays in Persuasion“ von 1931 nichts wieder. Es geht ihm auch um den Nachweis, dass „sich die Schlußfolgerung, daß der größte Reichtum durch die ungehinderte, egoistische Tätigkeit der Individuen erzeugt werde, auf viele unrichtige Voraussetzungen [stützt]“ (Keynes 2011, S. 36). Angeführt werden in diesem Zusammenhang einige der uns heute wohlbekannten Sachverhalte, die das Erreichen eines Wohlfahrtsoptimums verhindern. Dabei wird interessanterweise auch der Informationsaspekt angeführt. Unter den sechs angesprochenen „Komplikationen“ besteht eine darin, dass „Unkenntnis vorherrscht“ (Keynes 2011, S 36).

Keynes politische Botschaft kommt erst in den Kapiteln IV und V (in der deutschen Version sind dies die Kapitel III und IV) zur Sprache. Nur diese sind von ihm dann in die 1931 erschienenen „Essays in Persuasion“ aufgenommen worden. Um seine Position zu erläutern, übernimmt er von Bentham die Unterscheidung zwischen der Agenda und der Non-Agenda des Staats. Dabei macht er deutlich, dass es ihm nicht darum gehe, bisher von Privaten wahrgenommene Aufgaben auf den Staat zu übertragen (in diesem Zusammenhang betont er, bei der Verstaatlichung der britischen Eisenbahnen handele es sich um ein ökonomisch vollkommen irrelevantes Problem). Bei dem, was ihm zufolge vom Staat geleistet werden müsse, gehe es vielmehr um „jene Funktionen, die über den Wirkungskreis des Individuums hinausgehen, jene Entscheidungen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft“ (Keynes 2011, S. 47). So formuliert, gehören natürlich auch Dinge wie die Straßenverkehrsordnung zu den Aufgaben, die der Staat zum Wohl der Gesellschaft übernehmen muss. Für Keynes geht es aber dabei auch und vor allem um die vom orthodoxen Liberalismus abgelehnten staatlichen Eingriffe in wirtschaftliche Abläufe, in erster Linie um makroökonomische Steuerung mit dem Ziel, das Produktionspotenzial auszuschöpfen sowie Vollbeschäftigung herzustellen und zu erhalten. In einem 1932 gehaltenen Rundfunkvortrag führt er aus: „In Zeiten wie diesen findet sich die hervorragendste Gelegenheit für staatliche Planung auf der ganzen Welt allerdings in der Vermeidung und Milderung von Depressionen, die einen so enormen Verlust der weltweiten Potenziale zur Wertschöpfung mit sich bringen“ (Keynes 2007, S. 103).

Dabei ist Keynes keineswegs ein eindeutiger Freund zentralistischer Lösungen. Insbesondere ist er nicht der Auffassung, dass das Allokationsproblem durch eine zentralisierte staatliche Bürokratie besser als durch private Initiative gelöst werden könne. In den Schlussbetrachtungen zur „General Theory“ betont er nachdrücklich die Vorteile der Dezentralisierung und des Spiels des Eigennutzes: „Die Steigerung der Effizienz, die sich aus der Dezentralisierung der Entscheidungen und der individuellen Verantwortung ergibt, ist vielleicht noch größer, als das neunzehnte Jahrhundert annahm“ (Keynes 2009, S. 320).

Was die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben anbelangt, so plädiert er dafür, diese nach Möglichkeit auf halb-autonome Körperschaften zu übertragen, die zwar letztlich der Kontrolle des Parlaments unterlägen, aber unter normalen Umständen doch einen hohen Grad an Autonomie aufweisen sollten.

Solche halb-autonome Körperschaften müssten Keynes zufolge nicht erst neu entwickelt werden. Er verweist auf Universitäten, die Bank von England und den Londoner Hafen als Beispiele dafür, dass sich solche Formen bereits herausgebildet hätten oder jedenfalls Annäherungen daran stattfänden. Eine solche Tendenz sieht er aber auch ganz allgemein bei Aktiengesellschaften: „Eine der wenigst bemerkten und interessantesten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ist die Tendenz der Großunternehmen, sich selbst zu sozialisieren“ (Keynes 2011, S. 44). Keynes nimmt hier Auffassungen vorweg, die später unter Stichworten wie „managerial capitalism“ oder „new industrial state“ diskutiert werden sollten. Im Kern geht es dabei darum, ob sich aus der Trennung von Eigentum und Leitung, wie das für die Kapitalgesellschaft typisch ist, ein neuer und qualitativ anderer Kapitalismus entwickelt. Keynes glaubte seinerzeit, solche Tendenzen erkennen zu können. Aus heutiger Sicht und angesichts der vielfach zu beobachtenden Orientierung der Vorstände von Kapitalgesellschaften am shareholder value, aber auch nach dem, was sich in jüngster Zeit bei Privat- und Landesbanken abgespielt hat, wird man diesbezüglich zu einer zurückhaltenderen Einschätzung gelangen. Unabhängig davon ist es aber höchst bemerkenswert, dass von Keynes hier Fragen angesprochen werden, die heute unter dem Begriff „corporate governance“ eine geradezu ausufernde Diskussion erfahren.

Konkret werden von Keynes folgende Vorschläge gemacht: Kontrolle von Währung und Kredit durch eine zentrale Institution, Publizität der relevanten Geschäftsinformationen, öffentliche Einflussnahme auf Höhe von Sparen und Investieren, wie auch auf den Anteil von Auslandsinvestitionen sowie Einflussnahme auf die Bevölkerungsentwicklung.

Als heutiger Leser und damit aus einem Abstand von mehr als achtzig Jahren, kann man feststellen, dass diese Vorschläge von der Politik aufgegriffen und teilweise realisiert worden sind – wenngleich nicht immer in der Form, die wohl Keynes vorschwebte. So haben wir heute Zentralbanken, im Euroraum sogar eine übernationale, die die Kontrolle von Währung und Kredit übernommen haben, freilich mit einer oft einseitigen Orientierung an der Geldwertstabilität. Mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung einerseits, den Publizitätspflichten für Kapitalgesellschaften andererseits stehen allen am Wirtschaftsleben Beteiligten heute weit mehr Informationen zur Verfügung, als das in den zwanziger Jahren auch nur vorstellbar war. Die öffentlichen Einflussmöglichkeiten auf Sparen und Investieren haben stark zugenommen – allein schon dadurch, dass der Staatsanteil erheblich angestiegen ist, aber auch durch eine entsprechende Ausgestaltung des Steuersystems und der öffentlichen Ausgaben (automatische Stabilisatoren) sowie durch entsprechende Gesetze (in Deutschland z.B. das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz). Mit der Deregulierung der Kapitalmärkte hat man allerdings heute weniger Möglichkeiten als in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, auf den von Keynes ebenfalls angesprochenen Anteil der Auslandsinvestitionen Einfluss zu nehmen.

Was schließlich die Bevölkerungsentwicklung anbetrifft, so nehmen die Staaten auch darauf Einfluss, im Westen allerdings nicht in der rigorosen Form, wie es bei der chinesischen Ein-Kind-Politik praktiziert wird. So ist z.B. in Deutschland das Elterngeld mit der Absicht eingeführt worden, Beruf und Familie besser miteinander verbinden zu können und damit einer schrumpfenden Bevölkerung entgegen zu wirken. Oder, um ein anderes Beispiel zu geben: In den USA wird die Green Card dazu genutzt, die Zuwanderung nach den Bedürfnissen des amerikanischen Arbeitsmarkts zu steuern.

Die 2011 neu aufgelegte Arbeit von Keynes ist nicht unwidersprochen geblieben. So kritisiert v. Mises (1927) schon den Titel der Arbeit und stellt fest: „Die berühmte Maxime lautet nämlich vollständig Laissez faire et laissez passer“ (v. Mises 1927, S. 190). Das passer ist ihm zufolge auf die Freizügigkeit für Menschen und Güter bezogen. Sich gegen laissez passer auszusprechen wäre insofern ein Plädoyer für Protektionismus und Unterbindung der internationalen Freizügigkeit. v. Mises kommt zu dem kühnen Schluss: „Hätte Keynes vom Ende des Laissez faire et laissez passer gesprochen, dann hätte er nicht verkennen können, daß die Welt heute gerade daran erkrankt, daß seit Jahrzehnten eben nicht mehr nach dieser Maxime regiert wird“(a.a.O., S. 191).

v. Mises bedient sich hier einer bis zum heutigen Tag bei liberalen Autoren beliebten Argumentationsfigur: nicht zuviel Markt, sondern zuviel Staat, nicht zu wenig, sondern zu viel Regulierung, nicht der Liberalismus, sondern der Antiliberalismus sind an allen Übeln schuld. Dies wird den Ausführungen von Keynes nicht gerecht, der durchaus sieht, dass zur Entstehung der laissez-faire-Ideologie auch „die Unfähigkeit der Regierungen des 18. Jahrhunderts“ (Keynes 2011, S. 22) beigetragen hat. Und spätestens zwei Jahre, nachdem v. Mises das geschrieben hatte, waren seine Überzeugungen widerlegt: Die Große Depression konnte nicht als die Folge eines allseitigen Antiliberalismus begriffen werden und ihre Bekämpfung sicher nicht darin bestehen, den Staat auf eine Nachtwächterrolle zu beschränken.

Literaturhinweise

Cairncross, A. (1978), Keynes and the Planned Economy, in: A.P. Thirlwall (Ed.), Keynes and Laissez-faire, London and Basingstoke(Macmillan), S. 36-58.

Keynes, J.M. (1926/1972), The End of Laissez-faire, London (Hogarth-Press), wiederabgedruckt in: The Collected Writings of John Maynard Keynes, Vol. IX, London and Basingstoke(Macmillan), S. 272 – 294.

Keynes, J. M. (1926), Das Ende des Laissez-Faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft. München und Leipzig (Duncker&Humblot).

Keynes, J. M. (1931), The End of Laissez-faire, in: Essays in Persuasion, London (Macmillan), S. 312-322.

Keynes, J. M. (1936/1973), The General Theory of Employment, Interest and Money, London (Macmillan), wiederabgedruckt in: The Collected Writings of John Maynard Keynes, Vol. VII, London and Basingstoke(Macmillan), S. 272 – 294.

Keynes, J.M. (2007), Über Staatliche Wirtschaftsplanung, Rundfunkvortrag in der BBC vom 14.3. 1932, in: J.M. Keynes, On Air, Der Weltökonom am Mikrofon der BBC, Hamburg (Murmann-Verlag), S. 95 – 107.

Keynes, J.M.(2009), Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 11., erneut verbesserte Auflage, Berlin (Duncker&Humblot).

Keynes, J. M. (2011), Das Ende des Laissez-Faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft. Zweite, unveränderte Auflage mit einem Vorwort von Peter Kalmbach und Jürgen Kromphardt, Berlin (Duncker&Humblot).

Mattfeld, H. (Hrsg.) (1985), Keynes. Kommentierte Werkauswahl. Hamburg (VSA).

Mises, L. v. (1927), Buchbesprechung von Keynes, J.M., Das Ende des Laissez-Faire, Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 82(1927), S. 190-191.

Pasinetti, L.L. (2007), Keynes and the Cambridge Keynesians. A ‘Revolution in Economics’ to be accomplished, Cambridge u.a. (Cambridge University Press).