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B.III.2. Die Ökonomie des Babysittens: Die Babysitting-Genossenschaft, die pleite ging, lehrt uns etwas, das die Welt retten könnte.

von Paul Krugman
aus dem Englischen von Stephanie Schneider

 

Vor zwanzig Jahren las ich eine Geschichte, die mein Leben veränderte. Ich denke oft an diese Geschichte; sie hilft mir, im Angesicht von Krisen Ruhe zu bewahren, hoffungsvoll zu bleiben in Zeiten von Rezessionen und der Anziehungskraft von Fatalismus und Pessimismus zu widerstehen. In diesem düsteren Moment, wenn die Krisen Asiens die gesamte Weltwirtschaft zu bedrohen scheinen, sind die Lektionen dieser inspirierenden Erzählung wichtiger als jemals zuvor.

Die Geschichte wurde in einem Artikel mit dem Titel „Geldtheorie und die Krise der Great Capitol Hill Babysitting-Genossenschaft“ erzählt. Joan and Richard Sweeney veröffentlichten sie im „Journal of Money, Credit, and Banking“ im Jahr 1978. Ich habe ihre Geschichte in zwei meiner Bücher verwendet, „Peddling Prosperity“ und „The Accidental Theorist“, aber sie verträgt eine Wiederholung, diesmal mit einer asiatischen Wendung. Die Sweeneys erzählen die Geschichte einer – man kann es erraten – Babysitting-Genossenschaft, einer, der sie in den frühen 1970er Jahren angehörten. Solche Genossenschaften waren recht verbreitet: Eine Gruppe von Leuten (in diesem Fall ungefähr 150 junge Paare mit Verbindungen zum Kongress) vereinbaren, für einander babyzusitten, um die Notwendigkeit, dafür Jugendliche bar zu bezahlen, zu vermeiden. Es ist eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung: Ein Paar, das bereits Kinder um sich hat, wird zweifellos finden, dass Aufpassen auf die Kinder eines anderen Paares für einen Abend nicht so viel an zusätzlicher Belastung ist, verglichen mit dem Vorteil, denselben Service an einem anderen Abend zu erhalten. Aber es muss ein System geben, das sicherstellt, dass jedes Paar seinen gerechten Anteil beiträgt.
Die Capitol Hill Genossenschaft wählte eine recht nahe liegende Lösung. Sie gab Berechtigungsscheine aus – Papierstücke, die einer Stunde Babysitten-Zeit entsprechen. Babysitter würden die entsprechende Anzahl von Coupons direkt von denen, die den Service bekamen, erhalten. Das lässt das System sich selbst steuern: Mit der Zeit würde jedes Paar automatisch genauso viel babysitten, wie es dafür umgekehrt erhält. Solange die Leute zuverlässig waren – und diese Berufseinsteiger waren es sicherlich – was konnte schief gehen? Es zeigte sich, dass da ein kleines technisches Problem war. Denken wir an den Couponbesitz eines typischen Paares. Zu Zeiten, wenn es wenige Gelegenheiten hatte auszugehen, würde ein Paar wahrscheinlich versuchen, eine Reserve zu bilden – um dann diese Reserven abzubauen, wenn sich die Gelegenheiten ergaben. Diese Nachfragen würden sich ausgleichen. Ein Paar würde ausgehen, während ein anderes zu Hause bliebe. Aber da viele Paare zu jeder gegebenen Zeit Reserven von Coupons halten würden, benötigte die Genossenschaft einen ziemlich großen Betrag an im Umlauf befindlichen Berechtigungsscheinen.
Nun, was in Sweeney’s Genossenschaft geschah, war, dass aus komplizierten Gründen, die sich im Zusammenhang mit der Sammlung und Nutzung von Gebühren (bezahlt in Berechtigungsscheinen) ergeben, die Zahl der im Umlauf befindlichen Coupons knapp wurde. Demzufolge waren die meisten Paare bestrebt, ihre Reserven durch Babysitten zu erhöhen, und zögerten, sie durch Ausgehen abzubauen. Aber erst die Entscheidung eines Paares auszugehen, gab einem anderen die Chance babyzusitten; so wurde es schwierig, Coupons einzunehmen. Dies wissend, wurden Paare noch zögerlicher, ihre Reserven, außer für besondere Gelegenheiten, zu benutzen und reduzierten so die Möglichkeiten zum Babysitten noch weiter. Kurz gesagt, die Genossenschaft war in eine Rezession gerutscht.
Da die meisten Mitglieder der Genossenschaft Rechtsanwälte waren, war es schwierig sie zu überzeugen, dass das Problem monetär war. Sie versuchten, die Erholung per Gesetz zu erreichen – indem sie eine Regel verabschiedeten, die von jedem Paar verlangte, wenigstens zweimal im Monat auszugehen. Aber schließlich haben sich die Ökonomen durchgesetzt. Mehr Coupons wurden ausgegeben, die Paare wurden bereitwilliger auszugehen, die Möglichkeiten zum Babysitten vervielfachten sich und jeder war glücklich. Schließlich gab die Genossenschaft natürlich zu viele Berechtigungsscheine aus, was zu anderen Problemen führte … Wenn Du denkst, dass dies eine alberne Geschichte ist, eine Verschwendung Deiner Zeit, dann solltest Du Dich schämen. Was die Capitol Hill Babysitting-Genossenschaft erlebt hat, war eine wirkliche Rezession. Ihre Geschichte erzählt Dir mehr darüber, was Wirtschaftskrisen sind und warum sie geschehen, als Du beim Lesen von 500 Seiten von William Greider und durch die Leitartikelinhalte des Wall Street Journal eines Jahres verstehst. Und wenn Du bereit bist, die Geschichte der Genossenschaft wirklich zu verstehen, sie durch zu spielen und die Schlussfolgerungen daraus nachzuvollziehen, wird es die Art, wie Du über die Welt denkst, verändern.

Stell Dir zum Beispiel vor, die amerikanische Börse bräche zusammen und drohe, das Verbrauchervertrauen zu schwächen. Würde das zwangsläufig eine verheerende Rezession bedeuten? Denk darüber wie folgt: Wenn das Konsumentenvertrauen abnimmt, ist es so, als ob aus irgendeinem Grund, ein typisches Mitglied der Genossenschaft weniger bereit geworden war auszugehen, mehr bestrebt, Coupons für schlechte Zeiten anzuhäufen. Das könnte in der Tat zu einer Krise führen – muss es aber nicht, wenn das Management aufmerksam ist und mit der Ausgabe von mehr Coupons reagiert. Das ist genau das, was unser Obercouponausgeber Alan Greenspan 1987 tat – und was er, glaube ich, noch mal tun würde. So wie ich am Anfang sagte, die Geschichte der Babysitting-Gesellschaft hilft mir im Angesicht von Krisen ruhig zu bleiben. Oder stell Dir vor, Greenspan hätte nicht schnell genug reagiert und die Wirtschaft wäre wirklich in eine Krise gestürzt. Nur keine Panik. Selbst wenn der Obercouponausgeber zeitweise in Verzug geraten ist, kann er immer noch die Situation durch die Ausgabe von mehr Coupons umkehren – das heißt, mit einer kräftigen monetären Ausweitung wie jene, die die Rezessionen von 1981-82 und 1990-91 beendet haben. So wie ich sagte, die Geschichte der Babysitting-Genossenschaft hilft mir in Zeiten einer Depression hoffungsvoll zu bleiben.

Vor allen Dingen erzählt die Geschichte der Genossenschaft, dass Wirtschaftskrisen keine Bestrafungen für unsere Sünden sind, Schmerzen die wir bestimmt sind zu erdulden. Die Capitol Hill Genossenschaft ist nicht in Schwierigkeiten geraten, weil ihre Mitglieder schlecht waren, ineffiziente Babysitter; ihre Schwierigkeiten haben keine grundlegenden Fehler der „Capitol Hill Werte“ oder der „Babysitting-Vetternwirtschaft“ zum Vorschein gebracht. Sie hat ein technisches Problem – zu viele Leute jagen zu wenigen Berechtigungsscheinen hinterher – welches gelöst werden konnte und gelöst wurde mit ein paar klaren Überlegungen. Und so, wie ich sagte, die Geschichte der Genossenschaft hilft mir, der Anziehungskraft von Fatalismus und Pessimismus zu widerstehen. Aber, wenn alles so einfach ist, wie kann ein großer Teil der Welt in dem fürchterlichen Zustand sein, in dem er ist? Wie kann zum Beispiel Japan in einer scheinbar hartnäckigen Krise stecken – einer, aus der es nicht möglich zu sein scheint, einfach durch Drucken von Coupons herauszukommen? Wenn wir die Geschichte der Genossenschaft ein wenig ausweiten, ist es nicht schwer, etwas zu entwickeln, das sehr nach Japans Problemen aussieht – und den Umriss einer Lösung zu erkennen.
Zuerst haben wir uns eine Genossenschaft vorzustellen, deren Mitglieder bemerkten, dass da eine unnötige Unannehmlichkeit in ihrem System war. Es würde Situationen geben, in denen ein Paar feststellt, mehrmals hintereinander ausgehen zu müssen, was zur Folge hätte, dass ihm die Coupons ausgehen – und es deshalb außerstande ist, seine Babys gehütet zu bekommen – selbst wenn es ausgesprochen bereitwillig war, eine Vielzahl an ausgleichenden Babysitting-Abenden zu einer späteren Zeit zu leisten. Um das Problem zu lösen, erlaubte die Genossenschaft den Mitgliedern in Zeiten, wo es nötig war, Extra-Coupons von der Coupon-Ausgabestelle zu leihen – zurück zu zahlen mit Coupons, die durch nachfolgendes Babysitten erworben wurden. Um die Mitglieder vom Missbrauchen dieses Sonderrechts abzuhalten, muss das Management indes wahrscheinlich einige Strafen verhängen – was erforderlich macht, dass die Leiher mehr Coupons zurückzahlen als sie sich geliehen haben. In diesem neuen System würden die Paare kleinere Reserven von Coupons halten als zuvor, wissend, sie können mehr leihen falls nötig. Die Administration der Genossenschaft würde sich, wie auch immer, ein neues Werkzeug der Gestaltung angeeignet haben. Wenn die Mitglieder der Genossenschaft berichten, dass es leicht sei, einen Babysitter zu finden, und schwer, Gelegenheiten zum Babysitten zu bekommen, können die Bedingungen, unter denen Mitglieder Coupons leihen können, günstiger gemacht werden, um die Leute zu ermuntern auszugehen. Wenn Babysitter knapp sind, könnten diese Bedingungen verschlechtert werden, um die Leute anzuhalten, weniger auszugehen.

Mit anderen Worten, diese durchdachtere Genossenschaft würde eine Zentralbank haben, die eine stagnierende Wirtschaft durch Zinssenkungen stimulieren und eine überhitzte durch Erhöhungen abkühlen könnte. Aber was ist mit Japan – wo die Wirtschaft trotz Zinssätzen schrumpft, die fast auf Null gesunken sind? Hat die Babysitting-Metapher schließlich eine Situation gefunden, die sie nicht handhaben kann?

Stellen wir uns vor, es gibt eine Saisonabhängigkeit in der Nachfrage und dem Angebot nach Babysitten. Während des Winters, wenn es kalt und dunkel ist, wollen Paare nicht viel ausgehen, sind aber gerne bereit, zu Hause zu bleiben und auf Kinder anderer Leute aufzupassen – dabei Punkte anhäufend, die sie an lauen Sommerabenden nutzen können. Falls die Saisonabhängigkeit nicht zu ausgeprägt ist, könnte die Genossenschaft immer noch das Angebot und die Nachfrage nach Babysitten durch die Berechnung geringer Zinssätze in den Wintermonaten und höherer Sätze im Sommer im Gleichgewicht halten. Aber stellen wir uns allerdings vor, dass die Saisonabhängigkeit sehr stark ist. Dann werden im Winter, selbst bei einem Zinssatz von Null, mehr Paare nach Gelegenheiten zum Babysitten suchen als es ausgehende Paare gibt, was bedeutet, dass Gelegenheiten zum Babysitten schwer zu finden sind, was zur Folge hat, dass Paare, die sich darum bemühen, sich Reserven für das Sommervergnügen aufzubauen sogar noch weniger bereit sein werden, ihre Punkte im Winter zu benutzen, was noch weniger Gelegenheiten zum Babysitten zur Konsequenz hat … und die Genossenschaft wird selbst bei einem Zinssatz von Null in eine Rezession rutschen. Und das ist Japans winter of discontent. Vielleicht aufgrund seiner alternden Bevölkerung, vielleicht auch aufgrund einer allgemeinen Nervosität über die Zukunft, erscheint die japanische Öffentlichkeit nicht gewillt, genug auszugeben, um die Kapazität der Wirtschaft zu nutzen, selbst bei einem Zinssatz von Null. Japan, sagen die Ökonomen, ist in die gefürchtete Liquiditätsfalle geraten. Was Du gerade gelesen hast, ist eine kindliche Erklärung dessen, was eine Liquiditätsfalle ist und wie sie eintreten kann. Und wenn du erst einmal verstanden hast, dass es das ist, was schief gegangen ist, ist die Antwort auf Japans Probleme natürlich völlig offensichtlich .
So ist die Geschichte der Babysitting-Genossenschaft nicht reine Unterhaltung. Wenn die Leute sie nur ernst nehmen würden – wenn sie nur verstehen könnten, dass, wenn große ökonomische Fragestellungen zur Debatte stehen, neckische Parabeln keine Verschwendung von Zeit sind, sondern der Schlüssel zum Verständnis – ist es eine Geschichte, die die Welt retten kann.

1.Wir können die Geschichte etwas näher an die Art heranbringen, wie wirkliche Volkswirtschaften funktionieren, indem wir uns vorstellen, dass Paare Coupons leihen und verleihen können; der Zins in diesem kindlichen Kapitalmarkt würde dann die Rolle spielen, die der „Diskontsatz“ der Coupon-Ausgabestelle im Text spielt.

2. Vielleicht nicht so offensichtlich. Das Grundproblem mit der Winter-Genossenschaft ist, dass die Leute das Guthaben, das sie beim Babysitten im Winter eingenommen haben, sparen wollen, um es im Sommer auszugeben, selbst bei einem Zinssatz von Null. Aber als Aggregat betrachtet, können die Mitglieder der Genossenschaft das Babysitten im Winter nicht für den Sommergebrauch aufbewahren. Individuelle Anstrengungen, dieses zu tun, enden damit, dass eine Winterrezession ausgelöst wird.
Die Antwort ist, klarzustellen, dass Punkte, die im Winter verdient wurden, abgewertet werden, wenn sie bis zum Sommer aufgespart werden – sagen wir, fünf Stunden im Winter verdienter Babysitting-Kredit schmilzt auf nur vier Stunden im Sommer. Das wird die Leute dazu bringen, ihre Babysitting-Stunden zu nutzen und schafft daher mehr Gelegenheiten zum Babysitten. Man wird versucht sein zu denken, dass dies etwas unfair ist – dass es eine Enteignung der Ersparnisse der Leute bedeutet. Aber die Realität ist, dass die Genossenschaft als Ganzes Babysitten im Winter nicht für den Gebrauch im Sommer zur Bank bringen kann, es werden damit sogar die Anreize der Mitglieder verzerrt, wenn ihnen erlaubt wird, Winterstunden gegen Sommerstunden auf einer Eins-zu-eins-Basis zu handeln.
Aber was in der Nicht-Babysitting-Wirtschaft entspricht unseren Coupons, die im Sommer schmelzen? Die Antwort ist, dass eine Wirtschaft, die sich in der Liquiditätsfalle befindet, erwartete Inflation braucht – das ist, was sie braucht, um die Leute zu überzeugen, dass der Yen, den sie versucht sind zu horten, in einem Monat oder einem Jahr von jetzt an weniger Kaufkraft haben wird als er heute hat.
Die Diagnose, dass Japan in der Liquiditätsfalle steckt – und Inflationsanregungen als Ausweg aus der Falle – wurde in den letzten paar Monaten weitgehend veröffentlicht. Aber sie haben mit der tief sitzenden Befangenheit zu kämpfen, dass stabile Preise immer wünschenswert sind und dass die Inflation voranzutreiben bedeutet, die Öffentlichkeit um ihre Belohnung für das Sparen zu betrügen, um widernatürliche und gefährliche Anreize zu schaffen. In der Tat haben einige Ökonomen und Kommentatoren versucht zu behaupten, dass trotz allem Anscheins Japan nicht in einer Liquiditätsfalle ist, vielleicht sogar, dass so eine Sache nicht wirklich vorkommen kann. Aber die erweiterte Babysitting-Geschichte erzählt uns, es kann – und dass Inflation tatsächlich der ökonomisch richtige Weg heraus ist.