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B.VII.2. Pigou, Arthur Cecil

Pigou (1877-1959) war außerordentlich begabt. Er gewann als Klassenbester der renommierten „Harrow School“ ein Stipendium für das berühmte „King’s College“ in Cambridge, wo er Geschichte, Moralwissenschaften und Nationalökonomie studierte; letzteres vor allem bei Marshall (1842-1924), der „absoluten Autorität“ der englischsprachigen Wirtschaftswissenschaften. Bereits 1902 wurde er „Fellow des Kings’ College“, eine Art Forschungsdozentur mit sehr geringen Lehrverpflichtungen, und als Marshall 1908 die Professur für „Political Economy“ in Cambridge aufgab, wurde er mit gerade 30 Jahren sein Nachfolger. In dieser Zeit beendete Keynes gerade seine Dissertation; Pigou stellte ihn als Lektor ein.
Pigou bewunderte Marshall und setzte seine Lehrtradition fort. Seine Devise war: It’s all in Marshall. Pigous bedeutendster und nachhaltigster Beitrag zur Volkswirtschaftslehre liegt auf dem Gebiet der Wohlfahrtsökonomie: 1912 und 1920 erschienen seine Bücher zu diesem Thema, mit denen er diesen Zweig der Nationalökonomie mit der Unterscheidung zwischen privaten und sozialen Kosten und Erträgen sowie dem Problem der externen Effekte sowie ihrer Internalisierung etablierte.

Nachhaltigen Einfluss hatten auch seine Überlegungen zu einem System optimaler Besteuerung, das Wohlfahrtseinbußen minimiert. Dabei behielt er das Spannungsverhältnis von distributiven und allokativen Zielen stets vor Augen („A Study in Public Finance“, 1. Aufl., 1928).

Einen dritten Schwerpunkt bildet die Analyse gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen, angefangen mit dem Buch „Industrial Fluctuations“ (1927). Hier und vor allem bei seiner „Theory of Unemployment“ (1933) beschränkte er sich auf die Theorie und war sehr zögerlich, wenn es darum ging, aus seinen langfristig ausgerichteten theoretischen Analysen wirtschaftspolitische Empfehlungen abzuleiten, ganz im Gegensatz zu Keynes, der immer an wirtschaftspolitischen Fragen interessiert war und diese mithilfe der Theorie beantworten wollte.

Diese Scheu zeigen z.B. Pigous Antworten in den Hearings des damals sehr beachteten Macmillan-Committees des britischen Unterhauses (siehe dazu Clarke, 1988, S. 176 ff.) im Jahre 1930, wo er die hohe Arbeitslosigkeit vor allem mit fehlenden strukturellen Anpassungen erklärte.

Pigous Grundeinstellung lässt sich vereinfachend so darstellen, dass sich bei flexiblen Preisen und Löhnen nach einer Krise die Vollbeschäftigung wieder einstellen werde. In diesem Geiste schrieb er in der Weltwirtschaftskrise seine „Theory of Unemployment“ (1933), die Keynes in seiner „General Theory“ heftig attackierte, weil sie die einzige ausführliche Behandlung der (neo-)klassischen Beschäftigungstheorie bot. Während der allgemeine Konsens dahin ging, die Arbeitslosigkeit sei auf zu hohe Löhne zurückzuführen, unterstrich Pigou vor dem Macmillan-Committee, man könne auch die alternative Erklärung vertreten, „that the real wage is all right but there is not enough demand“ (zitiert aus Clarke, 1988, S. 274).

Dies entsprach seiner Formulierung in der „Theory of Unemployment“, bei freier Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und vollständig mobilen Arbeitskräften gebe es stets „a strong tendency for wage-rates to be so related to demand that everybody is employed“ (1933, S. 252).

Da jedoch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt beschränkt ist, war Pigou bereit, in der Weltwirtschaftskrise 1932 wirtschaftspolitische Empfehlungen mitzutragen, die sich aus Marshall zwar nicht ableiten, aber doch mit ihm vereinbaren ließen.

So entwarf Pigou im Oktober 1932 einen Brief, den er zusammen mit Keynes, einem D.H. Macgregor (seinem Gegenpart als Professor of Political Economy an der Universität Oxford) und drei weiteren Ökonomen unterschreib, an die „Times“, in denen diese erläutern, dass in der damaligen Situation der Weltwirtschaftskrise zusätzliche private Ersparnisse nicht den Weg zu höheren Investitionen finden und keine Ressourcen freisetzen, die dafür verwendet werden. Vielmehr gelte in dieser Situation: „… their entry into investment is blocked by lack of confidence“. Eine entsprechende Überlegung gelte auch für lokale Gebietskörperschaften: Wenn diese darauf verzichten, z.B. eine Schwimmbad, eine Bücherei oder ein Museum zu bauen, so handeln sie nicht im nationalen Interesse, sondern erhöhten die Arbeitslosigkeit.

Als dieser Brief viele kritische Reaktionen hervorrief, insbesondere einen Brief von vier Professoren der London School of Economics (darunter von Hayek und Lionel Robbins), die sich gegen zusätzliche öffentliche Ausgaben aussprachen, wandten sich die sechs Autoren noch deutlicher gegen die „klassische“ Argumentation dieser Professoren, solche Ausgaben würden die verfügbaren Fonds reduzieren, die dann nötig seien, wenn das Vertrauen zurückkehre. Sie fragten: What are these „resources“ and „fonds“? Es werde so argumentiert, als bildeten diese einen festen, vorgegebenen Bestand. Diese Vorstellung sei eine Illusion. Schon Adam Smith habe sie begraben, indem er zeigte, dass die in einem Jahr verfügbaren Mittel zur Verwendung für Konsum und Investitionen fast ausschließlich aus dem bestehen, was in diesem Jahr mithilfe menschlicher Arbeit produziert worden sei. Wenn also Arbeit und Kapital brach liegen, kommt diese Produktion gar nicht erst zustande.

Der letzte Absatz ihres Antwortbriefes lautet:

„The purpose of our letter to you was to urge that, while in normal conditions money economy of individuals and groups of individuals means that labour and capital are set to producing capital goods instead of consumption goods, in present conditions it often means that they are reduced to idleness. A reply which, ignoring the conclusive evidence of unemployment statistics, tacitly assumes that this reduction to idleness is impossible, misses the whole point of our contention.” (C.W. Vol. 21, S. 140)

Pigou konnte diese Briefe unterschreiben, weil der “state of confidence” schon bei Marshall eine große Rolle spielt. Marshall hatte daraus die wirtschaftspolitische Empfehlung abgeleitet, das Vertrauen müsse wieder hergestellt werden.

Allerdings war Pigou weit davon entfernt, Keynes auf dem Weg zur „General Theory zu folgen und sich seiner Position anzuschließen, dass auch in „normalen“ Zeiten (außer bei Vollbeschäftigung) die Höhe von Produktion und Einkommen von der effektiven Nachfrage bestimmt wird und dass die Höhe der Investitionen nicht nur vom „Vertrauen“ abhängt, sondern auch von der erwarteten Nachfrage und vom Zinssatz, der vom Geldmarkt bestimmt wird und dort Angebot und Nachfrage nach Kassenhaltung zum Ausgleich bringt, statt die Gleichheit von Investitionen und Vollbeschäftigungsersparnissen herbeizuführen.

Dementsprechend schrieb er 1936 eine vernichtende Kritik zur „General Theory“ von Keynes (der ihn dort ebenfalls scharf kritisiert hatte). Er verwies zu Recht auf manche Unklarheiten, die zum Teil daraus resultierten, dass Keynes alle nominalen Größen in Lohneinheiten misst, aber er verliert keine Worte über das Prinzip der effektiven Nachfrage oder die Zinsbestimmung durch die Nachfrage und das Angebot an Geld statt durch das Angebot von Ersparnissen und die Nachfrage nach Investitionen. Pigou schließt mit dem boshaften Satz (S. 132): „We have watched an artist firing arrows at the moon. Whatever be thought of his marksmanship, we can all admire his virtuosity.”

Auch später blieb Pigou seiner (neoklassischen) Überzeugung treu, dass bei flexiblen Preisen und Löhnen stets eine Tendenz zum Vollbeschäftigungsgleichgewicht bestehe. Zur weiteren Begründung führte er dafür 1943 den Geldvermögenseffekt ein (dieser wurde später als Pigou-Effekt bezeichnet), ohne darauf zu verweisen, dass Keynes in Kapitel 19 seiner „General Theory“ bereits sieben andere, zum Teil gegenläufige Effekte behandelt hatte.

Erst 1950 fand er anerkennende Worte für Keynes’ Leistung und gab zu, im Jahre 1936 die Bedeutung des Beitrages von Keynes und seiner Theorie der effektiven Nachfrage nicht erkannt zu haben. Überzeugen von ihr ließ er sich jedoch nicht.

Literatur

Cansier, Dieter (1989): Arthur Cecil Pigou (1877-1959). In: Starbatty, Joachim (Hrsg.), Klassiker der ökonomischen Denkens. 2. Band, München (Beck) 1989.

Clarke, Peter (1988): The Keynesian Revolution in the Making, 1924-1936. Oxford (Clarendon Press) 1988.

Hartwig, Jochen (2000), Keynes versus Pigou. Rekonstruktion einer Beschäftigungstheorie jenseits der Marktparadigmas. Marburg(Metropolis)

Pigou, Arthur C.:

– Wealth and Welfare. London (Macmillan) 1912.
– The Economics of Welfare. London (Macmillan) 1920.
– Industrial Fluctuations. London (Macmillan) 1927.
– A Study in Public Finance. London/New York (Macmillan/St. Martin’s) 1928.
– The Theory of Unemployment. London (Cass) 1933.
– Mr. J.M. Keynes’ General Theory of Employment, Interest and Money. In: Economica, New Series, Vol. 3 (1936), S. 115-132.
– Economics in Practice. Dt.: Praktische Fragen der Volkswirtschaft. Jena (Gustav Fischer) 1937.
– The Classical Stationary State. In: The Economic Journal, Vol. 53 (1943), S. 343-351.
– Keynes’ “General Theory”. A Retrospective View. London (Macmillan) 1950.