Seite auswählen

Peter Bofinger, Universität Würzburg, ehem. Mitglied des Sachverständignerates

„Fridays for Keynesianism“

Peter Bofinger

(Kurzfassung meiner Veröffentlichung: Reviving Keynesianism: the modelling of the financial system makes the difference, Review of Keynesian Economics, Vol. 8 No. 1, Spring 2020, pp. 61–83)

Die Makroökonomie ist eine kranke Wissenschaft. Sie leidet darunter, dass sie eine große wissenschaftliche Revolution bis heute weitgehend verdrängt.

Kopernikus entdeckte, dass die Bewegungsgesetze der Sonne und der Erde ganz anders sind als im Weltbild von Ptolemäus. Man stelle sich vor, die Astronomie hätte daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass sich kurzfristig die Erde um die Sonne dreht, langfristig aber die Erde immer noch im Zentrum des Universums stehen würde. Doch genau das ist in der Makroökonomie nach der keynesianischen Revolution geschehen.

John Maynard Keynes machte eine ähnlich fundamentale Entdeckung wie Kopernikus. Er erkannte, dass die von klassischen Ökonomen postulierten Bewegungsgesetze der Wirtschaft falsch waren. Er schrieb deshalb gleich im ersten Absatz seiner „General Theory“:

„Ich werde argumentieren, dass die Postulate der klassischen Theorie nur auf einen Spezialfall anwendbar sind und nicht auf den allgemeinen Fall. [..]. Die Merkmale des von der klassischen Theorie angenommenen Spezialfalls sind nicht die der Wirtschaft, in der wir tatsächlich leben, mit dem Ergebnis, dass das Lehren desselben irreführend und katastrophal ist, wenn wir versuchen, diesen auf die Tatsachen der Erfahrung anzuwenden.“

Diametral entgegengesetzte Mechanismen

In der Tat unterscheiden sich die Bewegungsgesetze der klassischen und der keynesianischen Weltsicht fundamental (Abbildung 1). Im klassischen Modell ist Sparen die Quelle für Investitionen. Im keynesianischen Modell wird Sparen durch Investitionen generiert. Im klassischen Modell benötigen Banken Einlagen, um Kredite gewähren zu können. Im keynesianischen Modell werden Einlagen durch Kredite geschaffen. Im klassischen Modell bestimmen Sparen und Investieren den Zinssatz. Im keynesianischen Modell bestimmen Sparen und Investieren (IS-Kurve) die Höhe des Volkseinkommens. Sie haben keinen direkten Einfluss auf die monetäre Sphäre, die durch die LM-Kurve abgebildet wird.

Abbildung 1: Bewegungsgesetze des klassischen Modells und des Keynesianischen Modells

Klassisches Modell

Keynesianisches Modell

Finanzmittel (“funds”)

  • Allzweckgut (AZG), das als Konsumgut, Investitionsgut und Finanzgut verwendet werden kann
  • Geld (=Sichteinlagen bei Banken)

Finanzierung

  • Angebot des AZG durch Sparen der Haushalte
  • Angebot von Geldbeständen durch Kreditvergabe der Banken oder durch Kapitalmarkt

Sparen und Investieren

  • Sparen der Haushalte ermöglicht Investitionen.
  • Investitionen führen zu höherem Einkommen und ermöglichen Sparen der Haushalte.

Banken

  • Banken sind reine Intermediäre für Finanzmittel, weil sie nicht in der Lage sind, das AZG zu erzeugen
  • Einlagen schaffen Kredite.
  • Banken sind die einzigen Produzenten von Finanzmitteln (=Geld)
  • Kredite schaffen Einlagen

Finanzmärkte

  • Die Intermediation des AZG durch den Finanzmarkt unterscheidet sich nicht fundamental von der Intermediation durch Banken
  • Die Intermediation durch den Finanzmarkt führt zu einer Umverteilung von Geldbeständen, die durch Banken geschaffen wurden.

Zentralbank

  • Funktionslose Institution, da sie das AZG weder schaffen noch vernichten kann.
  • Machtvolle Institution, die die monetäre Sphäre dominiert   

Zins

  • Reales Phänomen durch Sparen und Investieren bestimmt
  • Monetäres Phänomen durch Notenbank, Banken und Liquiditätsneigung der Geldhalter bestimmt

Neoklassische Synthese: Ein genialer Schachzug der Klassiker

Anders als in der Astronomie wurde diese wissenschaftliche Revolution aber durch das klassische Paradigma erfolgreich überwunden. Den Vertretern des alten Regimes gelang ein brillanter Schachzug: Mit der „neoklassischen Synthese“ drehten sie den Spieß um, indem sie die keynesianische Weltsicht als Spezialfall der Klassik darstellten. Die keynesianischen Bewegungsgesetze seien nur in der Situation starrer Preise – und damit kurzfristig – gültig. Langfristig, bei flexiblen Preisen, würden die Bewegungsgesetze des klassischen Modells weiterhin gelten.

Es wurde dabei überhaupt nicht diskutiert, warum sich die Bewegungsgesetze der Wirtschaft zwischen Regimen starrer und flexibler Preise so grundlegend unterscheiden können. Nehmen wir das Sparen und seinen Einfluss auf Zinssätze und Investitionen.

Im klassischen Modell ist die Ersparnis der Haushalte die entscheidende Voraussetzung für Investitionen. Eine höhere Sparneigung erhöht das Angebot auf dem Kapitalmarkt, so dass der Zinssatz sinkt und das Investitionsvolumen steigt.

Im keynesianischen Modell hingegen führt eine höhere Sparneigung der Haushalte zu einer geringeren Güternachfrage. Im Finanzsektor führen niedrigere Ausgaben der Haushalte zu höheren Geldbeständen der Haushalte und niedrigeren Geldbeständen der Unternehmen. Die Geldmenge in der Wirtschaft bleibt somit konstant, so dass es keinen Zinseffekt gibt.

Ist dieser grundlegende Unterschied zwischen den beiden Modellen auf die Flexibilität oder die Starrheit der Preise zurückzuführen? Die Erklärung liegt vielmehr in der unterschiedlichen Modellierung des Finanzsystems.

Das „Allzweckgut“ im klassischen Modell

Im klassischen Modell gibt es kein Geld. Es gibt nur ein Allzweckgut, das gleichermaßen als Konsumgut, als Investitionsgut und als Finanzmittel („Funds“) eingesetzt werden kann. In diesem Modell ist das Sparen – d.h. der Konsumverzicht des Allzweckgutes – die Voraussetzung für Investitionen. Im Grunde ist das klassische Modell ein Modell für eine Körnerwirtschaft: Die Haushalte entscheiden, ob sie das Korn konsumieren oder sparen. Wird es gespart, kann es den Investoren, die das Korn säen, zur Verfügung gestellt werden, wobei den Haushalten eine Periode später der Kreditbetrag plus Zinsen zurückgezahlt wird.

Im keynesianischen Modell setzen sich die auf dem Kapitalmarkt ausgetauschten „Finanzmittel“ aus Geld zusammen – „Funds“ sind Bankeinlagen, sie entstehen nicht durch Konsumverzicht, sondern durch die Banken, die Kredite gewähren.

Das klassische Modell ist also keine Darstellung der langfristigen Gesetze der wirtschaftlichen Bewegung. Es ist die Darstellung einer Phantasiewelt, deren Bewegungsgesetze nichts mit der Realität zu tun haben. Mit diesen entgegengesetzten Bewegungsgesetzen ist eine Synthese des klassischen und des keynesianischen Modells ebenso unsinnig wie der Versuch, die Modelle von Ptolemäus und Kopernikus zu kombinieren. Tatsächlich versuchte Tycho Brahe (1546-1601) eine ähnliche Synthese (das tychonische System), aber natürlich scheiterte sie.

Somit ist auch Keynes nicht weit genug gegangen, wenn er den klassischen Fall noch als Spezialfall einer allgemeinen Theorie ansieht. Der klassische Fall ist inkompatibel mit seiner Theorie.

Reputationsschaden für die Ökonomie als Wissenschaft

Für die Ökonomie als Wissenschaft hat die neoklassische Synthese zu einem enormen Reputationsschaden geführt. Ihre Unfähigkeit, die Große Finanzkrise (GFC) zu erkennen, ist darauf zurückzuführen, dass im klassischen Modell die Rolle der Banken auf die eines bloßen Vermittlers zwischen Sparern und Investoren reduziert wird. Die Banken sind nicht in der Lage, das Allzweckgut zu schaffen, das für dieses Modell konstitutiv ist.

Im keynesianischen Modell hingegen benötigen die Banken keine Einlagen für die Kreditvergabe. Sie können selbst Geld schaffen, was, wenn es von der Bankenaufsicht nicht ausreichend kontrolliert wird, zu einer exzessiven Kreditvergabe führen kann. Genau das ist in den Jahren vor der GFC geschehen. Als Königin Elizabeth II. also nach der Krise die Ökonominnen und Ökonomen der London School of Economics (LSE) fragte: „Wenn diese Dinge so groß waren, warum haben sie dann alle übersehen?“, wäre die richtige Antwort gewesen: „Weil wir in unseren Analysen des Finanzsystems Modelle ohne Geld verwenden“.

Nach dieser schmerzlichen Erfahrung ist es fast unverständlich, dass das klassische Paradigma nicht nur weiterhin in den führenden Lehrbüchern unkritisch dargestellt wird, sondern auch moderne makroökonomische Modelle prägt: Banken, wenn es sie überhaupt gibt, werden immer noch auf die Rolle des bloßen Vermittlers reduziert. Eine Studie von Claessens und Kose (2018, S. 119) beschreibt den Stand der Modelle wie folgt: 

“… even when banks are included, their treatment is highly stylised. For example, many models simply assume the presence of banks, but do attempt to justify their existence …”

Die gescheiterte keynesianische Revolution hat auch weitreichende wirtschaftspolitische Implikationen. Im klassischen Modell gibt es eine strikte Verdrängung privater Investoren auf dem Kapitalmarkt durch Staatsdefizite. Das Allzweckgut, das gleichermaßen als „Funds“ und als Investitionsgut fungiert, kann nur einmal verwendet werden.

Im keynesianischen Modell hingegen sind „Funds“ (Geld) und Investitionsgüter voneinander unabhängig. Daher gibt es keine Verdrängung auf dem Kapitalmarkt, wenn Defizite durch Banken oder die Zentralbank finanziert werden. Dies ist die grundlegende Einsicht der Modern Monetary Theory (MMT).

Wie kann die keynesianische Revolution vollendet werden? Die Chancen, dies zu erreichen, stehen heute nicht sehr gut, denn dies würde das Humankapital der meisten Makroökonominnen und Makroökonomen entwerten. Daher müssen die jungen Studierenden aufwachen und erkennen, dass ihnen Modelle beigebracht werden, deren Bewegungsgesetze mit der Realität ebenso unvereinbar sind wie die Weltsicht des Ptolemäus. Wir brauchen eine „Fridays for Keynesianism“-Bewegung.